Unterwerk und Netzstützpunkt Oerlikon

Neubau innerstädtisches Unterwerk

öffentliche Ausschreibung, 1. Preis
Auftraggeber: ewz Zürich
Nettonutzfläche: 3140 m²
Fertigstellung: 9/2015
Partner: Pöyry Schweiz AG
Kunst und Bau: Yves Netzhammer

Das ewz Areal an der Binzmühlestrasse befindet sich inmitten eines der größten innerstädtischen Stadtumbaugebiete der Schweiz. Um zukünftige bauliche Potentiale zu erhalten, sollte das neue Unterwerk inklusive Transformatoren, Schaltanlagen und der dazugehörigen Infrastruktur kompakt und flächensparend unter die Erde verlegt werden. Den Architekten wurde die Aufgabe gestellt, die Technologien der elektrischen Energieversorgung – trotz aller nötigen Sicherheitsmaßnahmen – für die Öffentlichkeit erlebbar zu machen.

Guck´mal! – Einblicke in das Unterwerk

Das Büro illiz architektur aus Zürich und Wien entwickelte in der Wettbewerbsphase für die Bauaufgabe die Idee des „Guckkastens“ – ein Gebäude, das ähnlich den gleichnamigen Vorbildern des 18. Jahrhunderts ein Gehäuse für fremde und unbekannte Welten bildet, die der Besucher im Inneren erspähen kann. Der 12 Meter hohe unterirdische Schaltanlagenraum erhebt sich als erleuchteter Kasten um einige Meter über die Oberfläche, so dass Passanten in der Tiefe seines Inneren und im „Bauch“ des Gebäudes dessen Herzstück, die 150kV Hochspannungsschaltanlage, erblicken können.

Architektur vereint mit Technik und Kunst

Ein Kunst und Bau-Projekt des Schweizer Künstlers Yves Netzhammer inszeniert diesen Raum. Er verkleidete die begrenzenden Wände des Guckkastens mit einer multimedialen Spiegelinstallation („Der gefangene Floh“), in der Betrachter und elektrotechnische Anlagen in einer scheinbar ins unendliche gespiegelten Szene verschmelzen.
Zwischen Haupteingang und Guckkasten spannt sich ein unterirdischer Ausstellungsweg entlang von Transformatoren und Rohrblöcken auf. Einmal hinab getaucht, wandern die Besucher entlang des diffus grün leuchtenden, 8 Meter hohen Transformatorganges, dessen massive perforierten Betonwände Einblicke in Trafozellen und Schalträume schaffen – immer begleitet von einem dezenten Summen. Diese „Gucklöcher“ zur Technikwelt streuen sich über die Wandoberflächen wie ein Schwarm, der den Besucher auf seinem Weg durch das Unterwerk begleitet. Vom lichtdurchfluteten Haupteingang hinunter, durch das Treppenhaus und über die Trafoempore hinweg eröffnen sich immer neue Blickwinkel in die verschiedenen Räume der elektrotechnischen Anlagen. Die Zugänge zu diesen Räumen verlangten zu Sicherheitszwecken nach einer eindeutigen und durch ewz vorgegebenen Farbgestaltung. Als Hintergrund für die Signalfarben in rot und orange dient ein Grünton, der als Lasur sämtliche Sichtbetonoberflächen des Unterwerks überhaucht und den Innenraum in eine entrückte, fast unwirkliche Atmosphäre taucht.

ewz Werkzeugkasten im Rhythmus der Stadt

Das dem Unterwerk aufgesetzte zweigeschossige Werkhofgebäude dient den Monteuren des ewz als Stützpunkt für ihre Montage- und Servicearbeiten am elektrischen Verteilnetz in der Stadt. Während der Nacht erscheint der Netzstützpunkt als geschlossener, dunkler Monolith. Zu Beginn des Arbeitstages jedoch öffnet sich das Gebäude wie ein gewaltiger Werkzeugkasten. Große Teile der schiefergrauen Zinkfassade falten aus der Gebäudehülle heraus und erweitern den Arbeitsbereich des Stützpunktes in das umgebende Gelände.
Die horizontal faltenden Elemente bilden im Erdgeschoss großflächige Tore zur Fahrzeugeinstellhalle. Im Obergeschoss dienen sie als Sonnenschutzläden für die Büroräume des Netzstützpunkts. Mit fließenden Bewegungen wandelt sich der Eindruck des Gebäudes im Rhythmus der Tagesabläufe und macht die Arbeitsprozesse in und um den Stützpunkt für die Stadt sichtbar. Über Tore, Fenster und geschlossene Fassadenflächen hinweg läuft ein durchgehendes, irisierendes Lochmuster, welches die gesamte Gebäudehülle bestimmt: Die perforierten, patinierten Zinkblechkassetten überziehen selbst lüftungstechnische Einbauten und Schutzeinrichtungen, welche aus dem Unterwerk an die Oberfläche dringen. Die hinter der Hülle verborgene Funktion wird erst erkennbar, wenn sich der Netzstützpunkt zu Beginn des Tages öffnet.
Nur die großen Verglasungen von Haupteingang und Guckkasten durchbrechen die dunkle Hülle des Gebäudes und zeichnen sich durch massive, grün eingefärbte Betonrahmen ab. Der Eingang als Anfang und der Guckkasten als Ziel des unterirdischen Ausstellungsweges bilden auch an der Oberfläche zwei markante Gegenstücke, die aus dem zurückhaltendem Gebäudevolumen heraustreten.

Herausforderungen an die Architektur

Das komplexe Planungsteam aus Ingenieuren und Architekten, Starkstromexperten, Haustechnikern, Grafikern und einem Künstler koordinierte die Prozesse in und um das Gebäude, um den Sicherheitsauflagen sowie den allfälligen Zutrittskonzepten gerecht zu werden. Dabei war ein Spagat zwischen der Erwartung eines uneingeschränkt dem Zweck dienenden Infrastrukturbaus und den räumlichen, atmosphärischen und künstlerischen Zielen der Architektur zu bewältigen. Als Ergebnis dieser engen, produktiven Zusammenarbeit gestaltete das Team auch Komponenten, die unter „normalen“ Umständen kaum zur Gestaltungsaufgabe geworden wären: Technische Ausstattungen wie Kabelrohrblöcke, Kran- und Schienenanlagen sowie die elektrotechnische Gebäudeausrüstung fanden Eingang in das Gestaltungskonzept, und so zu einer formale Einheit mit der Architektur.

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