Smart Start Kompakt Wohnen Bruck an der Mur

Neubau Wohnbau

Realisierungswettbewerb, 1. Preis
Auftraggeber: Amt der Steiermärkischen Landesregierung
Nettonutzfläche: 8532 m²
Visualisierung: Merlin Bartholomäus

Aufbauend auf die formulierten Leitziele für das zukünftige Bahnhofsquartier stehen in der zweiten Stufe die Ausformulierung der aufgezeigten Wohnkonzepte sowie der disponiblen Strukturen im Fokus der Bearbeitung. Ziel ist es individuellen Wohnraum mit vielfältigen Qualitäten zu schaffen, darüber hinaus aber auch Mehrwerte für die Bewohner durch räumliche und organisatorische Synergien anzubieten. In der vorgeschlagenen vertikal verdichteten Struktur sind flexible und überschaubare Etagennachbarschaften nicht nur die Antwort auf die Wohnbedürfnisse des Einzelnen, sondern auch die Grundlage des sozialen Zusammenlebens. Die Wohnfunktionen werden durch disponible Raumangebote mit einer hohen funktionalen und konstruktiven Flexibilität im Sinne der räumlichen Anpassbarkeit ergänzt. Diese Raumangebote finden auf verschiedenen Ebenen statt und umfassen Gewerbe- bzw. Büroflächen verschiedener Größe, aber auch allgemeine Ergänzungsflächen, deren Bestimmung an den tatsächlichen Bedarf angepasst werden kann. So kann das Gebäude der mangelnden Kalkulierbarkeit zukünftiger Entwicklungen und Trends Rechnung tragen und auch individuelle Vorlieben von Nutzern bzw. Nutzergruppen berücksichtigen.
Die Fläche des konkreten Bauplatzes wird in der zur Verfügung stehenden Breite unter Einhaltung der Abstandsflächen ausgenutzt. Ein 3-geschossiger Sockel beherbergt disponible Flächen unterschiedlicher Größe und Zusammensetzung mit lichten Raumhöhen von 2.8m-3.35m. Dem 5-geschossigen, zur Mürz orientierte Wohnturm wird ein großer, parkähnlicher Garten auf der Dachfläche der Sockelgeschosse vorgelagert. Das Erdgeschoss wird ausschließlich von disponiblen Flächen bzw. Allgemeinräumen bespielt – auf eine Wohnnutzung im Erdgeschoß wird zugunsten einer urbanen Entwicklung bewusst verzichtet. Die große, keilförmige Gebäudegeometrie wird durch bewusst gesetzte Zäsuren differenziert. An diesen Stellen entstehen besondere Orte im und um das Gebäude herum – eine Arkade vor dem Foyer, eine überdachte Zone vor dem Haupteingang, ein unabhängiger Aufgang zur Dachterrasse. Obwohl die regelmäßig gegliederte Fassade die gesamte Gebäudehülle bespielt und die Kubatur zu einer Einheit zusammenfügt, entstehen einfach zu lesende Gesten, die in das Quartier hineinwirken. Innerhalb der strengen Fassadengliederung werden verschiedene Elemente wie Loggien, Eingänge und auf die Nutzung abgestimmte Fenstertypen integriert. So wird die innere Logik des Gebäudes von außen ablesbar.
Die disponiblen Flächen im Sockel zeichnen sich durch eine hohe typologische Variabilität aus. Aufgrund der strukturellen Unabhängigkeit von den Wohntypologien, kann hier auf eine universale bzw. nutzungsneutrale Struktur zurückgegriffen werden. Der schlecht belichtete Kern erhält für die Organisation der disponiblen Flächen eine wesentliche Bedeutung: Das innenliegende Stiegenhaus verbindet kompakt alle Geschosse mit der Tiefgarage und dem Foyer im Erdgeschoss. Das Hauptpodest erschließt maximal 4 unabhängige Nutzungseinheiten pro Etage zwischen 106m2 und 149m2. Je nach Szenario werden somit Einheiten zwischen minimal 106m2 und maximal 482m2 pro Etage möglich.
Je nach Ausbauszenario bzw. Anzahl der Nutzungseinheiten pro Geschoß wird die Kernzone unterschiedlich stark verdichtet. Zu beiden Seiten des Stiegenhauses verlaufen vertikale Steigzonen. Hier entstehen je nach Szenario Nasszellen oder Teeküchen ohne die angrenzenden Geschosse zu beeinflussen. Die Fassade basiert auf einem Raster von 1.60m und ermöglicht eine flexible Raumeinteilung mit verschieden großen Zellenbüros, Kombibürostrukturen mit abwechselnd geschlossenen und offenen Raumeinheiten.
Die Wohnungen werden mit kleinem Footprint vertikal als 3- bis 7-Spänner im Turm konzentriert. Das Fluchtniveau des obersten Wohngeschosses bleibt unterhalb von 22m. Ziel ist die Schaffung von zeitgemäßen und „smarten“ Wohnungen mit attraktiven Freiräumen, die eine starke Identifikation durch selbstbestimmtes Wohnen zulassen. Sämtliche Wohnungen verfügen über großzügige Loggien, die sich durch Faltverglasungen in den Wohnraum integrieren lassen und so im Sommer den Wohnraum nach außen erweitern. Falls schallschutztechnisch erforderlich, können die Lärmemissionen auf dem Bauplatz durch die Ausstattung der Loggien mit einer verschiebbaren Einfachverglasung gelöst werden: sämtliche Aufenthaltsräume der vorgeschlagenen Wohnungstypologien können auch ausschließlich über die Loggia gelüftet werden. Zugunsten der Attraktivität der Hauptwohnbereiche haben wir den Flächenbedarf für die Bäder minimiert. Auf Abstellräume in der Wohnung wird zugunsten einer fest installierten, raumhohen Schrankwand verzichtet. Die Einlagerungsräume jedoch, befinden sich zugänglich vom Stiegenhaus im direkten Nahbereich der Wohnung auf der Etage. Ausgehend vom flexiblen Nutzungskonzept mit Wohnclustern und Jolly-Zimmern der 1. Stufe, betrachten wir für die 2. Stufe ein Szenario gemäß Piktogramm „Nutzungsverteilung“. Der 6- spännige Grundriss verfügt über eine flexible Zone von 35m2 durch die verschiedene Wohnkonzepte möglich werden: Im Zusammenschluss zu einem „Haushalt“ entsteht eine „Clusterwohnung“, die zusätzliche Raumangebote für die gemeinschaftliche Nutzung schafft. Eine weitere Variante ist die Nutzung der flexiblen Zone als „Jolly-Zimmer“ mit denen Wohnungen nach Bedarf wachsen und schrumpfen können. Im 1. und 2. Obergeschoss ermöglichen „Ateliercluster“ vielfältige Synergien für Freiberufler – räumliche Konzepte wie „Co-Working“, „Wohnen-und-Arbeiten“ bzw. „Home-Office“ werden hier neu interpretiert und kombiniert. Wir sehen diese Konzepte als Angebot an die Hausgemeinschaft mit verschiedenen Wohnformen zu experimentieren – im Rahmen eines partizipativen Prozesses der Erstmieter aber auch fortlaufend unter Einbezug der Hausbetreuung. Falls die Nachfrage nach Clusterwohnungen oder Jolly-Zimmern schwach ist, kann die Fläche leicht zu einer A-Wohnung adaptiert werden. Diese Raumangebote werden durch Allgemeinflächen für die Hausgemeinschaft ergänzt, welche wir anhand der Gebäudeaxonometrie näher beschreiben.
Bei Umsetzung einer Tiefgarage, schlagen wir dringend vor auch die Parkplätze für Besucher, Kunden und Car-Sharing unterirdisch anzubieten. Das zweiteilige Erschließungskonzept bietet die komfortabelste Zugänglichkeit aller Nutzungsbereiche und die Freiräume im Quartier können von Verkehr und Stellplätzen frei gehalten bleiben. Das vorgeschlagene Konzept sieht 75 Stellplätze unterirdisch, und 5 Stellplätze als Kurzzeitparkplätze an der Bahnhofpromenade vor. Die Zufahrt in die Tiefgarage leitet die PKWs am Rande des Quartiers nach unten und ist so konzipiert, dass bei zukünftiger Entwicklung der Ausbau einer zweiten parallelen Rampe leicht möglich ist. Eine Verteilung in die Garagen der anliegenden Bauplätze ist problemlos möglich. Langfristig könnte somit ein autofreies Quartier, mit nur einer effizienten Tiefgaragenabfahrt realisiert werden. Falls die Tiefgarage auf dem konkreten Bauplatz nicht umgesetzt werden kann, werden die 18 oberirdischen Stellplätze wie in der ersten Stufe vorgeschlagen als Insel in der Grünfläche sowie längs entlang der Ostfassade angeordnet.
Städtebauliches Ziel ist die Schaffung eines belebten, durchmischten Quartiers von angemessener Dichte mit hochwertigen Grünräumen und Freibereichen. Gemäß städtebaulichem Konzept wirken hier die keilförmigen Sockelgeschosse raumbildend und flankieren enge und weite Räume verschiedener Aufenthaltsqualitäten. Die südliche, von Bebauung freibleibende Fläche, wird als Park ausformuliert, welcher östlich von dem in der ersten Stufe projektierten urbanen Quartiersplatz begrenzt wird. In die großzügige Grünfläche werden an der westlichen Ecke die Tiefgaragenabfahrt, sowie in ihrer Mitte ein Kinderspielplatz eingebettet. Der Grünraum wird durchzogen von einem Netzwerk kleiner Plätze, welche durch Fußwege und befestigte Flächen entlang der Erdgeschosszonen verbunden werden. Das Mürzufer bleibt als naturbelassener Erholungsraum erhalten und wirkt fingerartig in die bebaute Struktur hinein. Eine breite Stiege bietet eine direkte Verbindung von der Mürz zur Dachterrasse im 3. Stock und bildet so eine weitere Ergänzung zu dem vielfältigen Freiraumangebot. Die Versiegelung der Freiflächen wird auf das absolut notwendige Maß beschränkt. Gehwege entlang der Mürz und im Quartierspark und auch große Teile des Platzes werden mit Wassergebundenen Decken projektiert; Zufahrten für die Müllabfuhr und die Feuerwehr werden mit Rasengittersteinen bzw. Schotterrasen ausgeführt.